Im Kreuzfeuer

Wenn Oktopusse Artgenossen bewerfen

Werfen gilt gemeinhin als eine zutiefst menschliche Fähigkeit – ein Produkt unserer Anatomie und unserer Jagdgeschichte mit einer wichtigen Rolle in der Evolution des Menschen. In der Tierwelt sind gezielte Wurfbewegungen selten: Sie wurden bislang nur bei wenigen, meist sozialen Arten wie etwa Primaten, Elefanten, Mungos und einigen Vögeln dokumentiert. Umso erstaunlicher ist eine Beobachtung aus der Jervis Bay in Australien: Oktopusse werfen. Und zwar nicht nur gelegentlich, sondern wiederholt, und das vermutlich mit Absicht.

Ein Hotspot für Interaktionen

Oktopusse sind normalerweise Einzelgänger: Sie jagen allein, bei Begegnungen kommt es zu Kämpfen oder sogar zu Kannibalismus. Umso überraschender waren die Beobachtungen eines internationalen Teams um den Kognitionswissenschaftler Peter Godfrey-Smith. Mithilfe stationärer Unterwasserkameras, die zwischen 2011 und 2018 in der Jervis Bay (New South Wales, Australien) eingesetzt wurden, analysierten die Forschenden über 21 Stunden Videomaterial aus Tagen mit guten Sichtbedingungen. Untersucht wurde der australische Dunkelkrake (Octopus tetricus, umgangssprachlich auch „gloomy octopus“ genannt) in 17 m Tiefe an einem ungewöhnlich dicht besiedelten Standort: Die Jervis Bay ist ein Habitat, in dem Ressourcenknappheit die Tiere zur Koexistenz auf engem Raum zwingt – eine Voraussetzung, die soziale Interaktionen begünstigt.

Dabei wurden 1543 Interaktionen zwischen acht identifizierten Tieren (drei Männchen, fünf Weibchen) mit 11 bis 234 Kontakten pro Stunde dokumentiert. Diese reichten von Kämpfen unterschiedlicher Intensität über Paarungen bis hin zu Annäherungen und Armkontakten – beantwortet mit Farbwechseln, charakteristischen Körperhaltungen, Rückzug oder Gegenreaktionen.

Ein besonders auffälliges Verhalten war der koordinierte Einsatz von Armen, der zwischen ihnen gespannten Schwimmhaut und dem Siphon, einer zwischen Kopf und Armen liegenden, röhrenförmigen Öffnung, über die Wasser ausgestossen wird. Die Tiere sammelten Material wie Schlamm, Muscheln oder Algen, hielten es fest und schleuderten es mithilfe eines Wasserstrahls durch das Wasser. Dieses Verhalten wurde als „Werfen“ klassifiziert und systematisch ausgewertet.

Hinweise auf gezielte Würfe

Mehr als die Hälfte der Würfe (53 %) erfolgte im Zusammenhang mit sozialen Interaktionen, etwa nach Kämpfen, Paarungsversuchen oder Armkontakten, während 32 % der Baupflege und 8 % der Nahrungsaufnahme zugeordnet wurden. In etwa einem Drittel der sozialen Würfe (33 %) traf das Material tatsächlich einen anderen Oktopus. Dabei präsentierten die Forschenden drei Argumente gegen reine Zufälligkeit: Wurfhaltung, Materialwahl und Körperfärbung.

Bei Würfen auf Artgenossen kam es zu einer abweichenden Wurfhaltung; in einem beobachteten Fall hätte die übliche Haltung den Artgenossen nicht getroffen. Zudem wurden bevorzugt weichere Materialien wie Schlamm verwendet, bei der Höhlenpflege hingegen eher Muscheln.

Oktopusse können ihre Körperfarbe innert Sekunden verändern, und eine gleichmässig dunkle Tönung wurde in früheren Studien mit aggressivem Verhalten assoziiert. Tiere, die beim Wurf eine solche Färbung zeigten, warfen signifikant kräftiger und trafen häufiger. Beide Geschlechter warfen in Richtung von Artgenossen, jedoch warfen Weibchen deutlich häufiger – im Verhältnis etwa neun zu eins. Die höhere Häufigkeit des Werfens kann möglicherweise als Reaktion auf unerwünschte Paarungsversuche der Männchen interpretiert werden. Bemerkenswerterweise hat bislang kein beworfenes Tier zurückgeworfen.

Soziale Funktion eines ungewöhnlichen Verhaltens

Ein Teil der Würfe lässt sich funktional als Aufräumverhalten erklären – etwa beim Säubern der Höhle oder beim Entsorgen von Nahrungsresten. Doch über die Hälfte aller Würfe erfolgte in sozialen Kontexten, und in rund einem Drittel dieser sozialen Würfe traf das Material tatsächlich einen Artgenossen und wurde oft von Ausweich- oder Duckreaktionen begleitet. Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass dieses Verhalten in soziale Interaktionen eingebettet ist. Das führt zu einer vorsichtigen, aber bemerkenswerten Schlussfolgerung: Zumindest ein Teil dieser Würfe erfüllt eine soziale Funktion. Ein solches Verhalten wurde damit zum ersten Mal bei einer Oktopus-Art dokumentiert. Ob dabei echte Intentionalität vorliegt, bleibt offen. Doch selbst ohne bewusste Zielabsicht zeigen die Daten, dass Oktopusse Objekte in einer Weise einsetzen, die bislang nur bei komplexen sozialen Wirbeltieren beschrieben wurde.

Der Oktopus passt eigentlich nicht in diese Gruppe: Sein letzter gemeinsamer Vorfahre mit Wirbeltieren lebte vor über 500 Millionen Jahren. Dabei sind Oktopusse keineswegs primitive Tiere: Sie können lernen, Erfahrungen speichern und Objekte als Werkzeuge nutzen. Ungewöhnlich ist zudem, dass etwa zwei Drittel ihrer Nervenzellen nicht im Gehirn, sondern in den Armen sitzen – Intelligenz kann also auf sehr unterschiedliche Art organisiert sein. Vor diesem Hintergrund erscheint es bemerkenswert, dass sich ein derart komplexes Verhalten unabhängig in so unterschiedlichen Evolutionslinien entwickelt hat. Dies legt nahe, dass das Zusammenleben mit Artgenossen auf engem Raum zur Entwicklung von kreativen Formen der Interaktion führt. Beim Menschen sind das mitunter scharfe Worte, beim australischen Dunkelkraken ein gezielter Schlammwurf. Vielleicht liegt die eigentliche Pointe also nicht darin, dass Oktopusse werfen – sondern darin, wann sie es tun: in Situationen von Nähe, Konkurrenz und unerwünschter Annäherung, die uns erstaunlich vertraut erscheinen.

 

Quellen:

Godfrey-Smith P, Scheel D, Chancellor S, Linquist S, Lawrence M. In the line of fire: Debris throwing by wild octopuses. PLoS One. 2022 Nov 9;17(11):e0276482. doi: 10.1371/journal.pone.0276482. PMID: 36350820; PMCID: PMC9645608.

Shomrat T, Zarrella I, Fiorito G, Hochner B. The octopus vertical lobe modulates short-term learning rate and uses LTP to acquire long-term memory. Curr Biol. 2008 Mar 11;18(5):337-42. doi: 10.1016/j.cub.2008.01.056. PMID: 18328706.
Finn JK, Tregenza T, Norman MD. Defensive tool use in a coconut-carrying octopus. Curr Biol. 2009 Dec 15;19(23):R1069-70. doi: 10.1016/j.cub.2009.10.052. PMID: 20064403.

Text: Dr. med. Corinne Peter-Rumpf