Sprichst du schon

– oder schreist du nur?

Ein Neugeborenes liegt im Arm seiner Mutter und schreit aus voller Kraft. Für uns klingt das nach Hunger, Müdigkeit oder schlicht nach Protest gegen die neue Welt da draussen. Doch was, wenn dieses erste Geschrei schon mehr verrät – vielleicht sogar, mit welcher Sprache das Baby aufwächst?

Was zunächst wie eine kuriose Idee klingt, ist das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie.[1] Forschende konnten zeigen, dass Neugeborene unmittelbar nach der Geburt bereits sprachspezifische Melodiemuster in ihren Schreien produzieren. Noch bevor sie auch nur ein einziges Wort sprechen können, verraten französische und deutsche Babys in ihrem Geschrei bereits, aus welchem Sprachraum sie stammen.

Kleine Babys, grosse Daten

Untersucht wurden die Schreie von 60 gesunden, termingeborenen Neugeborenen, je 30 aus französisch- und deutschsprachigen Familien. Die Babys waren im Durchschnitt etwa drei Tage alt. Für die Untersuchung zeichneten die Forschenden insgesamt rund 2’500 Schreie in alltäglichen Situationen auf, etwa beim Wickeln, Füttern oder während der Interaktion mit den Müttern. Nicht jeder Schrei eignete sich für eine detaillierte Auswertung: Analysiert wurden schliesslich 1’254 Schreie, die einen klar erkennbaren Melodieverlauf aufwiesen.

Die Analyse zeigte deutliche Unterschiede in den Melodiekonturen der Schreie: Französische Babys produzierten überwiegend ansteigende Melodien, bei denen die Tonhöhe im Verlauf des Schreis zunahm, während deutsche Babys meist mit fallenden Konturen schrien und die Tonhöhe im Laufe des Schreis abnahm. Auch der Zeitpunkt des Höhepunkts unterschied sich klar zwischen den Gruppen. Bei deutschen Säuglingen lag das Intensitäts- und Frequenzmaximum früh, ungefähr bei 0,45 Sekunden, während es bei französischen Babys erst später auftrat, etwa bei 0,60 Sekunden. Diese zeitlichen und melodischen Unterschiede spiegeln erstaunlich präzise die typischen Betonungs- und Akzentmuster der beiden Sprachen wider, sodass sich schon in diesen ersten Lauten die charakteristischen Rhythmen von Französisch und Deutsch wiedererkennen lassen.

Was Babys schon vor der Geburt lernen

In den letzten Schwangerschaftsmonaten können Föten bereits die Stimmen ihrer Mütter und anderer Erwachsener hören und nehmen dabei vor allem die Melodie und den Rhythmus der Sprache wahr. Diese frühe Hörerfahrung hinterlässt messbare Spuren im Schreiverhalten kurz nach der Geburt und deutet darauf hin, dass der Spracherwerb schon vor dem ersten Atemzug beginnt. Die Studie zeigt, dass Neugeborene beim Schreien nicht zufällig Laute produzieren, sondern auf Rhythmus und Melodie der Sprache zurückgreifen, die sie bereits im Mutterleib kennengelernt haben.

Schreien als Keimzelle der Sprache

Die Daten sprechen dafür, dass das Schreien menschlicher Säuglinge mehr als ein reiner Reflex ist: Es könnte ein erster Baustein der Sprachentwicklung sein. Die Melodie des Schreiens greift rhythmische und akzentuelle Muster auf, die auch für Sprache – und sogar für Musik – zentral sind. Forschende vermuten, dass sich diese frühen melodischen Strukturen im Laufe der Entwicklung weiter ausdifferenzieren und später in kontrollierte Lautäusserungen übergehen. Das Schreien wäre damit nicht nur Ausdruck eines Bedürfnisses, sondern ein früher Trainingsraum für Stimme, Rhythmus und sprachliche Struktur.

Der erste Akzent im Leben

Was genau den frühen „Akzent“ eines Babys prägt, ist noch nicht vollständig geklärt. Wie entwickelt sich das Schreien in gemischtsprachigen Familien, in denen Kinder schon vor der Geburt mehreren Sprachmelodien ausgesetzt sind? Und welchen Einfluss haben andere Klänge wie Gesang, häufiges Sprechen oder Musik, die ein Fötus im Mutterleib hört? Antworten darauf könnten künftig noch genauer zeigen, wie früh Sprache und Klänge das menschliche Leben formen.

Der Schrei eines Neugeborenen ist also nicht nur ein Alarmsignal für volle Windeln oder leeren Magen, sondern ein akustischer Fingerabdruck der sprachlichen Umgebung, in die das Kind hineingeboren wird. Neugeborene kommen also nicht sprachlos zur Welt, sondern bringen den Klang ihrer Muttersprache bereits im Schrei mit. Wer hätte gedacht, dass Babys ihren ersten Akzent setzen, lange bevor sie überhaupt „Mama“ sagen können?

 

Quellen:

Bruce Bower (2009): Newborn babies may cry in their mother tongues. In: Science News, 5. November 2009, abrufbar unter https://www.sciencenews.org/article/newborn-babies-may-cry-their-mother-tongues.

Originalstudie: Mampe, B., Friederici, A. D., Christophe, A. & Wermke, K. (2009): Newborns’ cry melody is shaped by their native language. In: Current Biology, 19(23), 1994–1997. DOI: 10.1016/j.cub.2009.09.064.